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Die Chronik des Sachsenhausen-Gedenklaufes

28.03.2017

„Lauf gegen das Vergessen"

 

Am l. Mai dieses Jahres wird der nunmehr 50. Sachsenhausen-Gedenklauf ausgetragen.

Er gehört damit zu den beständigsten Laufveranstaltungen in der Region.

Allerdings geht es bei ihm nicht nur um sportliche Ziele!

Er soll zugleich ein Kapitel dunkelster deutscher Vergangenheit wach halten: Die Zeit der Gräueltaten des Faschismus, für die auch das KZ Sachsenhausen steht.

Unter den mehr als 100.000 Opfern dieses Konzentrationslagers, das man zeitgleich zu den Olympischen Spielen 1936 in Berlin errichtete, waren auch Sportler verschiedener Nationen.

Sie erlitten unterschiedliche Schicksale.

Einerseits diente der „Sport" in perverser Art wie beim „Schuhläuferkommando" der physischen Drangsalierung und Vernichtung von Häftlingen.

Andererseits hat eine vorangegangene sportliche Betätigung manchem das Überleben in dieser „Hölle" überhaupt erst ermöglicht, so nach eigener Aussage dem slowakischen Juden Emil Farkas, der als damaliger Turner bereits mit 14 Jahren in diese Stätte des Grauens kam.

Der erste Sachsenhausen-Gedenklauf wurde am 22. März 1964 ausgetragen. Pionierarbeit dazu leisteten vom damaligen DTSB der Vorsitzende des Kreisfachausschusses Leichtathletik Peter Richter mit seinem Stellvertreter Walter Schmidt sowie vom ausrichtenden Sportverein Sachsenhausen dessen damaliger Vorsitzenden Heinz Brünsing mit Herbert Schulz. Ihr Laufkonzept gilt grundsätzlich noch heute!

Unterstützung erhielt dieses Vorhaben von der seinerzeit noch selbständigen Gemeinde Sachsenhausen mit Bürgermeister Ottomar Werner, der Mahn- und Gedenkstätte und einer Reihe von Leichtathletikfreunden der Region.

Von Beginn an bestand die Idee, den Lauf jährlich zeitnahe zum Tag der Befreiung des KZ durch sowjetische und polnische Truppen (22./23.04.) auszutragen.

Von 1964 bis 1989 standen der leistungssportliche Charakter sowie eine organisierte breite Beteiligung von Schulen und anderen Organisationen im Vordergrund.

Das Leistungsniveau bestimmten damalige Spitzenathleten der DDR, unter anderem Uta Pippig, Waldemar Czierpinski, Manfred Kutschmann, Jürgen Haase, Hans-Jörg Kunze (also spätere Olympiasieger oder Europameister), die mehrfach teilnahmen.

Die in der Regel über 10 km, 15 km und 20 km führenden Laufstrecken änderten sich wiederholt. Zeitweilig führten sie direkt über das Gelände der Gedenkstätte.

Die erste internationale Beteiligung gab es 1967 mit Gästen aus Polen und der CSSR.

 

Nach einer Unterbrechung der Laufserie durch den gesellschaftlichen Umbruch erfuhr der Lauf 1995, also 50 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers, eine Wiederbelebung und feste Etablierung in die Laufbewegung Brandenburgs. Mit Zustimmung der Gedenkstätte war daran besonders ein Team des Kreissportbundes Oberhavel unter Führung seines damaligen Vorsitzenden Heinz Neubart beteiligt. Diesem Organisationsteam gehörten unter anderem Wolfgang Wolf, Eberhard Butzke und Ulrich Dräsche' an.

Sie konnten auf Erfahrungen der Sportfreunde aufbauen, die den Lauf bereits im Zeitabschnitt von 1964 bis 1989 maßgeblich gestaltet und begleitet hatten. Dazu gehörten wiederum Peter Richter (lebt heute in Leegebruch und ist auch als akribischer Sportstatistiker bekannt), Günter Fürstenberg und Hans-Dieter Kretschmar (beide leider bereits verstorben), Margit Hornig-Borchert (Stadt Oranienburg) sowie viele weitere Helfer und Unterstützer von Vereinen, Schulen und der Gedenkstätte.

Gefördert wurde dieses Vorhaben von Landrat Schröter und Bürgermeister Laesicke. Seither ist der Lauf als anerkannter Volkslauf fest in die regionale Laufbewegung integriert.

 

Nunmehr übernahm Ulrich Dräsche', der damalige hauptamtliche Jugendreferent des KSB Oberhavel, die Organisationsleitung. Er nutzte dazu sowohl die vorliegenden Erfahrungen der bereits genannten Sportfreunde als auch die Unterstützung von regionalen Leichtathletikvereinen, auf deren Hilfsbereitschaft auch später gebaut werden konnte.

Das galt besonders für Eintracht Oranienburg (Günter Fürstenberg), SG Sachsenhausen (Fred Lange), Elektronik Hohen Neuendorf (Kerstin Paech), Stahl Hennigsdorf (Hans Ziehe), SG Vehlefanz (Klaus Retschlag), Löwenberger SV (Axel Klicks).

Organisatorische Veränderungen betrafen erneut Streckenführung und Wettbewerbsangebote.

Die Laufstrecke verlief rund um die Gedenkstätte (5 km) und konnte über die Distanzen von 10 km (2 Runden) oder 15 km (3 Runden) absolviert werden.

Wegen der nunmehr anstehenden Forderung nach Barrierefreiheit für bestimmte Sportarten konnten Inline-Skater und Rollstuhlfahrer nicht mehr zugelassen werden.

Stattdessen wurde das Walken/Nordic Walken in den Wettbewerb aufgenommen.

Nach der Gründung von Team Oberhavel e.V. am 29.11.2001 stand auch unser Verein zur Mitwirkung bereit. Gemeinsam mit dem Landkreis Oberhavel brachte er sich schrittweise in die weitere Gestaltung und Organisation der Laufveranstaltung ein. Dabei wurden gleichfalls bereits vorliegende Erfahrungen übernommen.

Seit 2004 wird der Sachsenhausen-Gedenklauf als gemeinsames Projekt von Landkreis und Kreissportbund Oberhavel, der Stadt Oranienburg und Team Oberhavel ausgerichtet. Das dazu bestehende Projektteam plant, koordiniert und organisiert verlässlich den arbeitsteiligen Prozess der Vorbereitung, Durchführung und Auswertung durch die Projektpartner. Dabei sind in den sportlichen Teil stärker der KSB mit Team Oberhavel eingebunden und in das Rahmenprogramm der Landkreis mit der Stadt Oranienburg.

Abstimmungen mit der Gedenkstätte (Prof. Dr. Morsch, Dr. Severenz) dazu sind gesichert. Auch in dieser Zeit gab es mehrfach Neuerungen, sowohl bei der sportlichen Durchführung als auch bei der Gestaltung des Rahmenprogramms zur Ehrung der KZ-Opfer. Wiederholt änderten sich Laufdisziplinen und Streckenverlauf. Aufgenommen wurde zunächst eine Halbmarathondistanz über Friedrichstal - Fähre Malz - Radfernweg bis zum Start-Ziel-Bereich am Grüberplatz. Sie konnte jeweils einzeln insgesamt oder abschnittsweise als Mitglied einer Staffel absolviert werden. Die Staffelläufe kamen fest ins Programm, als die Internationalen Jugendsporttreffen des Landkreises mit dem Gedenklauf zeitlich zusammen fielen. An den Start gingen international gemischte Freundschaftsstaffeln, zunächst in der Umgebung des Grüberplatzes. Sie führten Jugendliche verschiedener Nationen sportlich, zusammen und forderten so die Ziele des Projektes. Diesem Anliegen dienten auch die „Prominentenstaffeln" mit Politikern (z.B. Barbara Richstein, Steffen Reiche, K.-H. H.Schröter) und prominenten Sportlern (z.B. Christian Schenk, Olaf Beyer, Jürgen Sträub, Jens-Peter Herold).

Inzwischen sind die Staffelläufe als fester Programmbestandteil offen für Vereine, Firmen, Familien, also für Jedermann, sie verlaufen aktuell über 1,2 km und werden gut angenommen. Auch die Kinderläufe gehören nach wie vor zum festen Programm. Verändert haben sich weiter Termin und Start-Ziel-Bereich für den Lauf. Als feststehender und damit besser planbarer Termin wurde der l. Mai ausgewählt.

Maifeiertag und Sachsenhausen-Gedenklauf gehören seither zusammen!

Die Verlegung des Start-Ziel-Bereiches erfolgte wegen der besseren Bedingungen für die Teilnehmer an die TURM-Erlebniscity. Die beengte Waldschule war zunehmend überfordert. Diese Verlegung verlief nicht ohne Debatten. Immerhin lag der Grüberplatz mit seiner Vergangenheit als SS-Kommandozentrale für alle KZ und heutiger Sitz der Gedenkstättenstiftung dem Anliegen des Gedenklaufe inhaltlich näher.

 

Umso wichtiger war es die Streckenführungen so zu legen, dass mit einem Kontakt zur Gedenkstätte und seinen Ehrenmalen für die KZ-Opfer ein emotionaler Bezug zum Ziel dieses Laufes gesichert bleibt. Das ist beim jetzigen beständigen Kurs rund um die Gedenkstätte und am Lehnitzsee entlang geschehen. Er kann 1x (7,5 km) oder 2x (15 km) absolviert werden.

Nach seiner Neubelebung 1995 veränderte sich allerdings der sportliche Charakter dieses Laufes. Leistungssportliche Ziele sind gegenüber dem Volkssportcharakter zurückgetreten. Willkommen ist jeder Starter, der mit seiner Teilnahme ein Bekenntnis gegen das Verdrängen und Vergessen ablegen möchte. Das sind inzwischen jeweils annähernd ca. 500 Finisher.

Der Sachsenhausen-Gedenklauf kennt deshalb nur Sieger!

Dennoch bleibt der Leistungsgedanke nicht gänzlich außen vor.

So geht das Ergebnis über 7,5 km in die Wertung des MBS-Sparkassencup (MBSC) ein.

Nach wie vor sind auch Aktive am Start, die aktuell oder ehemals für ein hohes Leistungsniveau stehen (siehe dazu auch Tabelle im Anhang).

Der internationale Charakter bleibt gesichert. Ständige Teilnehmer der Veranstaltung sind die Gäste aus den polnischen Partnerkreisen von Oberhavel (Siedlce und Biala Podlaska).

Die polnischen Sportler bestimmen stets das Leistungsniveau in Einzelwettbewerben und Staffeln mit und absolvieren zudem ein Sonderprogramm in der Gedenkstätte Sachsenhausen.

2016 war erstmalig auch eine syrische Staffel am Start.

Sehr beachtlich ist die öffentliche Anerkennung dieser Veranstaltung. Die Schirmherrschaft übernahmen in den letzten Jahren jeweils die Brandenburger Ministerpräsidenten Matthias Platzeck oder Dietmar Woidke. Beauftragte Minister oder Staatssekretäre vertraten die Landesregierung vor Ort und waren teilweise selbst in Einzelwettbewerben oder Staffeln aktiv.

Ständiger Bestandteil der Veranstaltung ist ein Rahmenprogramm zur würdigen Ehrung der KZ-Opfer. Daran kann sich jeder Aktive mit der Niederlegung einer Rose beteiligen. Die Blumengrüße werden danach durch eine Delegation an einem Gedenkort für die KZ-Opfer (z.B. Klinkerwerk oder Station Z) niedergelegt. Beim 50. Gedenklauf wird dazu erstmalig ein spezieller Gedenkort für Sportler unter den KZ-Opfern im Ehrenhain der Gedenkstätte zur Verfügung stehen. Seine vorherige Einweihung ist am Tag der Befreiung des KZ (23.April) vorgesehen. Am Maifeiertag selbst wird in der Gedenkstätte eine Ausstellung über den Sachsenhausen-Gedenklauf eröffnet. Eine eher sportliche Würdigung der Ergebnisse wird es am l .Mai am Veranstaltungsort geben.

Die ehemaligen und jetzigen Ausrichter des Sachsenhausen-Gedenklaufes können stolz auf ihre Leistungen und deren Anerkennung sein!

Dr. Peter Kallabis

Quellen: Unterlagen zum 30. Gedenklauf (P. und F. Richter, U. Dräsche')

Gespräche mit Zeitzeugen der jeweiligen Etappen

Einschlägige Organisationsunterlagen Archivmaterialien